Kauft euch doch euer gutes Gewissen… Meinung sagen

21:34 am 20. Oktober 2009 , , , , , ,

… am besten in einer Vorratspackung (so lange der Vorrat reicht)!

- oder wie das Magazin Focus es formuliert:

Supermärkte bauen Engagement aus
Deutsche Supermarkt- und Discounterketten verstärken ihr Engagement für Umweltschutz und fairen Handel. Ein gutes Gewissen beim Einkaufen sei den Kunden immer wichtiger, berichtet die Gesellschaft für Konsumforschung. So werben die Geschäfte mit dem Trend-Thema Nachhaltigkeit und hoffen, dass es sich auszahlt.

Abgesehen von den üblichen Kritikpunkten (die auch im Artikel erwähnt werden), dass Supermärkte sich zwar auf die Fahne schreiben wollen, dass sie ja (im jeweiligen Land) ökologisch und sozial produzieren lassen, durch ihre Preisvorstellungen aber genau dies verhindern, ist die Masche (bzw. das Geschäft) mit dem Gewissen absolut sinnfrei (vgl.auch das Problem mit LOHAS, dem “Lifestyle of Health and Sustainability”, also dem Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit).

Nicht nur, dass weiterhin auf hohem Niveau konsumiert wird, anstatt (auch) das Ausmaß des Konsums einzudämmen (was erwiesenermaßen wesentlich ökologischer ist); Die Idee des “gewissenhaften Supermarktes” ist bei weitem nicht neu, sondern im Gegenteil ein Trend, der eher im Abstreben begriffen ist.

Was ist das denn auch für eine Einstellung – gewissenhaft komsumieren? Schon das Wort Einstellung scheint irgendwie unangemessen. Nein – Die Idee vom gewissenhaften Konsum und vom engagierten Supermarkt, für den das wohl mehr eine Geschäftsmasche als wirkliches Engagement ist (woraus die inkonsequente Haltung resultiert, dass man zwar ökologisch und sozial sein will, aber dennoch möglichst spottbillig produzieren will).

Diese Haltung ist eine direkte Fortführung der Haltung, die die meisten Menschen auch im Bezug auf den Staat und die Demokratie einnehmen; Thoreau drückt es auf den Punkt genau aus:

Wie hoch steht heute wohl der Tagespreis für einen Ehrenman oder Patrioten? Sie zögern, sie bedauern, und manchmal unterschreiben sie auch eine Bittschrift, aber sie tun nichts ernsthaft und wirkungsvoll. Sie warten – wohlsituiert -, dass andere den Übelstand abstellen, damit sie nicht mehr daran Anstoß nehmen müssen. Höchstens geben sie ihre Stimme zur Wahl, das kostet nicht viel, und der Gerechtigkeit geben sie ein schwaches Kopfnicken ud die besten Wünsche mit auf den Weg, während sie an ihnen vorübergeht.
(H.D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat)

Exakt diese Haltung findet sich heute nicht nur im Bezug auf die Politik und die Gesellschaft – denn wir haben uns weiterentwickelt, hin zum Turbokapitalismus, und daher war die Erweiterung dieser Haltung auf den Markt und den Konsum ein logischer Schritt.

Das Gewissen kann heute nicht nur bei (nur indirekten) demokratischen  (oder besser gesagt: parlamentarischen) Prozessen beruhigt und das für dieses gute Gewissen notwendige Engagement abgegolten werden, indem man alle vier Jahre ein bisschen Zeit opfert um zur Wahl zu gehen.
Nein, wir sind fortschrittlich, sind ja modern: Gewissen gibts heute auch im Supermarkt. Wurde ja auch Zeit. Das dauernde schlechte Gewissen war ja nun schon mehr als lästig wenn man mit Pizza und Soft-Dinks vor der Glotze sitzt und die von inhaltsleerem Geplapper und “Reality”-TV unterbrochene Konsumanreize in sich aufsaugt.

Gleichzeitig muss man sich dadurch auch endlich nicht mehr im Alltag engagieren – man spart also Zeit, in der man mehr konsumieren, herumhängen und den Kopf gründlich abschalten kann. Und damit das Gewissen nicht zu sehr abhebt, geht man zwar im engagierten Supermarkt gewissenhaft einkaufen, aber man unterstützt weiterhin Unsäglichkeiten wie McDonalds und Atomkraft. Für sie wirft man seine Stimme in die Waagschale, und unterstützt sie mit Geld – nicht zuletzt in Form von Steuern.

Was also nützt der engagierte Supermarkt und der gewissenhafte Konsum?
Oder sollte ich fragen: wem nützt das?

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