Commons als “Paradigma politischer Theorie”? 4 Meinungen

18:16 am 13. September 2009 , , , ,

Nachdem ich in einem relativ überschaubaren Zeitraum zwei Mal auf Texte gestoßen bin, in denen die Idee der Commons als Grundlage für eine wie auch immer geartete Politik vorgeschlagen wurde, brennt es mir einfach unter den Nägeln, mich dazu zu äußern.

Zugegebenermaßen klingt die Idee modern, neu, und vielversprechend. Auf den ersten Blick mag sie das auch sein. Zumindest neu ist sie keinesfalls, wenn man von der recht alten Idee der Allmende gehört hat – eine Idee, die in ihrem kleinen, lokalen Rahmen sicherlich sinnvoll ist.

Ob sich nun Commons von den hinter dem Begriff Allmende stehenden Ideen untersscheidet, und wenn ja, in welchen Punkten, läst sich lange Diskutieren, zumal der Begriff Commons alles andere als klar definiert ist. Stefan versucht eine Annäherung an die Begriffsbestimmung auf keimform.de:

Die Darstellung blieb jedoch vor allem beim Punkt des »Eigentums« unklar, da Commons nicht mit »Gemeineigentum« gleich gesetzt werden können. Ferner ist das Besondere bei den Commons gerade, dass sie stets als soziale Beziehung zu verstehen sind. Genau genommen gilt das jedoch für alle Güter, denn die fallen ja nicht vom Himmel, sondern werden — sozial — hergestellt. Erst im Vergleich zur »Sozialität« der Nicht-Commons, wird die Besonderheit der Gemeingüter deutlich.

Ich finde es dabei nicht ganz schlüssig, warum Commons und Gemeineigentum so unterschiedlich sein sollen – wenn sowieso alle Güter als soziale Beziehung zu verstehen sind, warum oder inwiefern gilt das nicht für die unter den Begriff Gemeineigentum fallenden Güter? Ganz abgesehen davon, dass eben nicht alle Güter sozial hergestellt werden. Diese argumentative Polarisierung, dass Güter entweder vom Himmel gefallen seien (was unwahrscheinlich ist und durch die negative Konnotaiton als Spinnerei bewertet wird) oder sie seien sozial hergestellt, was im oben zitierten Satz als wahrscheinlich und wahr gelten soll.
Wenn es doch so einfach und die Welt so eindeutig wäre – die Welt in schwarz oder weiss. Der Ursprung von Gütern liegt aber ganz und gar nicht einfach in sozialen Herstellungsprozessen: Zum Beispiel werden die so genannten natürlichen Ressourcen keineswegs in sozialen Prozessen hergestellt, sondern in sozialen Prozessen geerntet (oder sonstwie gewonnen) und weiterverarbeitet.

Andere Ressourcen wiederum werden zwar von Menschenhand angelegt, entstehen aber nicht im engeren Sinne allein durch sein zutun, sondern im besten Fall mit Hilfe seiner Pflege – dies ist zum Beispiel bei Pflanzungen, Plantagen, landwirtschaftlichen Feldern, Tierzucht etc. der Fall. Natürlich sind auch hier soziale Prozesse am Geschehen beteiligt, aber als soziale Herstellung kann man das nicht wirklich bezeichnen.

In beiden Fällen, vor allem im Falle der natürlichen Ressourcen, die nur geerntet werden, nicht aber hergestellt, lässt sich die Idee der Commons nicht anwenden. Wenn natürliche Ressourcen oder allgemein natürliche Umwelt als Commons (Gemeingut) begriffen werden würde (wie es jemand ernsthaft als “Umweltpolitik” im Forum der Piratenpartei vorgeschlagen hatte), wären die Folgen verheerend – oder in Fragen formuliert:

  • Begreift man die natürliche Umwelt bzw. natürlichen Ressourcen, hat man das Problem, dass man entweder den Zugang bzw. die Nutzung sehr engmaschig regulieren muss, um eine faire bzw. angemessene Verteilung (auch im Sinne einer Umweltpolitik) zu gewährleisten oder aber dass es zur Hamsterei kommt und die natürlichen Ressourcen sehr hoch belastet sind. Was nicht nur langfristig auf ein ein großes Disaster hinausläuft (siehe hier)
  • Welche natürlichen Ressourcen sollten Allgemeingut werden? Auch Boden? Was macht denn dann der Landwirt? Wem gehören die angebauten Feldfrüchte? Wem die Erträge?
  • Begreift man nicht nur die natürlichen Ressourcen als Güter im Sinne des Commons-Gedanken sondern auch die Probleme, die in der natürlichen Umwelt auftreten (was eine logische Konsequenz ist), stellt sich die Frage: Wer hat die Verantwortung? Ein Gut als Gemeingut hat zur  Folge, dass auch die Verantwortung sozial getragen wird. Dadurch neigt hier die Idee der Commons noch mehr als die bisherige Politik dazu, die Schäden (bzw. die Kosten für die Beseitigung der Schäden oder Lösung umweltpolitischer Probleme) einseitig zu sozialisieren, sprich: der Steuerzahler darf richten, was Konzerne und der Staat verbockt haben. Das kann nicht die Lösung sein.

Die Idee der Commons ist also nicht auf alle Güter anwendbar, vor allem nicht auf die, die nicht sozial hergestellt werden.

Der Versuch, die Annäherung an eine Definiton des Commons-Begriffes (sowie die grafische Darstellung davon) sehe ich als unvollständig, gefährlich verkürzend (weil materialistisch), wenn nicht sogar als gescheitert an, denn es fehlt ein meines Erachtens nicht zu unterschätzender Teilaspekt (wenn nicht Hauptaskept): Die Bedeutung. Alles, was Menschen tun, herstellen, besitzen oder besitzen wollen, hat nicht nur materielle Aspekte oder Eigenschaften, auch soziale oder rechtliche Aspekte ergänzen die Definition nicht ausreichend, solange die Bedeutung fehlt. Die Bedeutung, die Individuen oder auch Gruppen einem Gegenstand beimessen, ist für die Nutzung und das Verhalten im Bezug auf den Gegensatand entscheidend. Der Gegenstand kann dabei noch so materiell wertlos und unnütz sein und dennoch eine große Bedeutung tragen – als Erinnerungsstück an einen Menschen, als Symbol für eine gemeinsame Sache oder ein gemeinsames Erlebnis, als sinnbildlicher Ausdruck eines historischen oder gegenwärtigen Ereignisses etc.

Und genau dieser Aspekt der Bedeutung, mit denen Menschen die Objekte ihrer Umwelt beladen, behindert das Konzept der Commons enorm: Was für den einen eine persönliche, identitäre oder in einer Gruppe verankerte Bedeutung hat, kann für den anderen einfach nur ein mehr oder weniger nutzloser Gegenstand sein, ein Ge- oder Verbrauchsgut. Bedeutung lässt sich nicht beliebig verallgemeinern, ignorieren oder aufheben, vor allem nicht über politische Paradigmen oder Gesetze. Dadurch wird die Menge der Güter, die noch als Common definiert werden können, um einiges kleiner.

Nimmt man also den Umstand, dass die natürliche Umwelt bzw. die natürlichen Ressourcen nicht sinnvoll als Commons beschrieben werden können (hier lasse ich mich gerne korrigieren) und die Tatsache, dass der Aspekt der Bedeutung die Ausdehnung der Idee der Commons ebenfalls einschränkt – welche Güter können denn dann noch sinnvoll als Common definiert werden?

Meinungen (4) ↓ Meinung sagen

  1. StefanMz sagt:

    Du stellst eine Menge Fragen, und das ist prima — nur so kommen wir weiter:-) Ich kann jetzt nicht auf alle eingehen und greife die aus meiner Sicht wichtigsten heraus.

    1. Sozialität von Gütern: Doch, alle Güter werden hergestellt. Jedes Ernten oder Schürfen oder Schöpfen ist Stoffwechsel mit der Natur für unsere Zwecke, ist Herstellen. Unter Herstellen ist auch jedes unbeabsichtigte Herstellen zu fassen, etwa das Herstellen einer für uns gefährlichen Atmosphäre durch CO2-Emission etc. Gerade die negativen Externalitäten müssen mit in den Begriff rein. Aus meiner Sicht ist zentral, zu begreifen, das unsere Lebensbedingungen soziale Produkte sind. Bisher wird das in der Tat gedanklich getrennt: Da wird der hergestellte Gegenstand als der leblose, unsoziale von uns getrennte gefasst, der erst durch Erwerb und Konsum quasi sozial belebt wird. Deswegen ist es so wichtig zu begreifen, dass jedes Gut erstens hergestellt (»in die Welt gestellt«) wird und zweitens damit seine soziale Form bekommt.

    2. Ressourcen als Commons: Ich denke, der Vorschlag im Piraten-Forum, Ressourcen und Umwelt als Commons zu begreifen ist genau der richtige Ansatz. Ich kann nicht nachvollziehen, warum du das »verheerend« findest. Es geht in der Tat darum, soziale Regelungen zu finden, die wir explizit wollen. Denn — und deswegen ist Punkt 1 so wichtig — es existieren ohnehin soziale »Regeln«, nur dass sie sich im Falle der Waren hinter unserem Rücken durchsetzen, wie Adam Smith erkannte. Was Adam Smith nur fälschlich annahm, war, dass sich alles zum Guten wenden werde. Commons holen die die impliziten Regeln (des Stärkeren letztlich) hervor und machen sie zum Gegenstand neuer Verhandlungen. Genau darum geht’s.

    Warum soll das dem Landwirt Probleme bereiten, wenn ebenso geregelt ist, was er machen darf und wie er seine Produkte nutzen kann? Es gibt viele commons-basierte landwirtschaftliche Organisationsformen, z.B. in Südamerika. Es ist dann oft die Privatisierung, die die nachhaltige und umweltschonenende commons-basierte Produktion zerstört. Auch das ist wahrlich bekannt (Abholzung der Regenwälder etc.).

    Und ja, es geht um die Verantwortung. Es ist aber ganz im Gegenteil zu deiner Annahme gerade nicht so, dass Commons dazu führen, »Schäden einseitig zu sozialisieren«. Dieser Fall gilt für die hinter unserem Rücken ablaufende Sozialität der Warenproduktion, bei der Schäden in der Tat externalisiert werden. Bei den Commons geht es darum, Schäden erst gar nicht zuzulassen, weil eben vorher die Verantwortung in den sozialen Regeln explizit festgelegt wird. Natürlich gibt es keine Garantie, aber der explizite soziale Modus bietet überhaupt erst die Chance hier präventiv zu handeln. Der (A-) Sozialität der Warenproduktion muss man im Gegensatz dazu immer erst mit Gesetzen hinterher rennen, wenn der Schaden offensichtlich schon eingetreten ist.

    3. Commons haben eine Bedeutung. Mir ist auch nicht klar, wie du zu der These kommst, Commons oder hergestellte Güter hätten keine Bedeutung. Ohne Bedeutung geht gar nichts. Alles, was Menschen tun, hat eine Bedeutung. Die Frage ist doch, ob meine Bedeutung auch die der anderen ist oder ihnen möglicherweise entgegensteht. Die Frage ist also auch hier, wer die Bedeutungsmacht in den Händen hält. Das ist die analoge Frage zu der nach der Sozialität der Güter. Die Bedeutung der hergestellten Güter wird von denen gesetzt, die sie herstellen. Deswegen gehören die Güter in die Commons, um auch hier die Effekte »blinder Bedeutungssetzung« über anonyme Marktmechanismen wieder explizit sozial regeln zu können.

    Bei deinem Text klingt irgendwie noch der alte Mythos der zerstörten, weil übernutzten »Allmendewiese« durch, wie er durch die Hardinsche »Tragik der Allmende« so fatal transportiert wurde. Dort ging es jedoch eigentlich nicht um die Allmende, die Commons, sondern um das Niemandsland, also eine Situation, in der es keine Regeln gibt. Nochmal Peter Linebaugh zitiert: »There are no commons without commoning«, d.h. es gibt keine Commons ohne soziale Regeln.

    • naturgetr.eu sagt:

      Hallo Stefan,

      Ich hangel mich mal an Deiner Nummerierung lang:

      1. Sozialität von Gütern: Klar, sobald sie als Ware in den Wirtschaftskreislauf eingegliedert werden, sind alle Güter sozial – aber eben erst dann. Mir ging es – vor allem bei natürlichen Ressourcen – um den Status davor, indem ja die Ressourcen schon vorhanden, aber keine sozialen Güter sind.

      2. Begrift man die natürliche Umwelt (reps. Ressourcen) selbst als Common, führt das unausweichlich entweder zu einer immensen staatlichen bzw. behördlichen Regulierung oder aber zu einem commons dilemma, in dem die Nutzung dann eher dem Raubbau gleicht. Oder als Frage: Wie stellst Du Dir die Regulierung der Nutzung “natürlicher Commons” vor? Das ist denke ich der Kanckpunkt an der Sache.

      3. Zu der These, dass Du die Bedeutung übersehen hast, komme ich, weil sie weder in Deinem Schaubild noch in Deinen Erläuterungen vorkommt – und ich erachte die Bedeutung als extrem wichtig. Wie gesagt geht es mir dabei nicht (vorrangig) um die Bedeutung, die Commons in ihrer Eigenschaft als Commons haben, sondern um die Bedeutungen und Einschreibungen, die Menschen generell Objekten zuweisen.
      Und hier eine Bedeutungsmacht anzunehmen, halte ich, sorry, für politischen Nonsens bzw. für ein ungefähr-marxistisches Rudiment. Bedeutungen werden im soziokulturellen Diskurs konstruiert und zugewiesen. Intentional vergebene Bedeutung gibt es sicherlich auch in nicht wenigen Bereichen (z.B. Medien), diese kann aber immer nur an bereits vorhandene Bedeutungsstrukturen anknüpfen oder diese versuchen zu beeinflussen.
      Der Satz

      Die Bedeutung der hergestellten Güter wird von denen gesetzt, die sie herstellen

      ,
      ist deshalb aus meiner Sicht etwas schief, bzw. lässt ein anderes Verständnis des Begriffes Bedeutung durchscheinen. Ich meine mit Bedeutung keinesfalls (nur) den Stellenwert, den das Produkt oder das Gut hat, sondern auch kulturelle, emotionale, symbolische Aspekte mit individuellem und soziokulturellem Wirkungskreis.

      Bei den Commons geht es darum, Schäden erst gar nicht zuzulassen, weil eben vorher die Verantwortung in den sozialen Regeln explizit festgelegt wird.

      Ja, nur, was macht man mit den bereits bestehenden Schäden und Problemen? Das Atommüllager Asse (als Beispiel) wird kaum von selbst verschwinden, eine Umstellung auf den Commons-Gedanken den Verantwortlichen in diesem und vielen anderen Fällen eher nützen.

      Insgesamt finde ich die Idee wie im Text schon gesagt vielversprechend, aber bezweifle, dass sie im Endeffekt zielführend ist – und mit zielführend denke ich weniger an die Menschen, sondern vielmehr an die natürliche Umwelt; ich befürchte Raubbau, selbst wenn er sozial reguliert sein würde. Beziehungsweise frage ich mich, wie (auf welche Art und Weise) reguliert werden kann – denn es muss reguliert werden, wenn das nicht in chaotische oder gar mafiöse Strukturen umschlagen soll. Vielleicht kannst Du mir diesen Aspekt, bzw. Deinen Ansatz, näher resp. konkreter erläutern: Wer reguliert und mit welcher Legitimation? Wie wird reguliert? Wer setzt die Regulierung auf welche Art und Weise um bzw. durch?

      • StefanMz sagt:

        Die Bedeutungen scheinen es dir ja angetan zu haben;-) Das ist ein größeres Thema…

        Du hast recht, dass Commons nicht als Reparaturkonstrukt taugen, wenn der Schaden schon eingetreten ist. Dann wäre es nur eine Sozialisierung der Folgen. Hier darf man die jetzt im alten Regime Verantwortlichen nicht entlasten.

        Zwei Quellen möchte ich dir empfehlen: Einmal den CommonsBlog, in dem Silke Helfrich einen reichen Fundus an Beispielen und Argumenten versammelt hat und von gleicher Autorin editiert das Buch »Wem gehört die Welt«, online hier oder kaufbar. Gerade auch in Bezug auf materielle Commons und natürliche Ressourcen findest du dort Material und Beispiele.

      • naturgetr.eu sagt:

        Ja, die Bedeutung hat es mir tatsächlich angetan, da ich die Bedeutung als Grundlage menschlichen Handelns begreife: Unsere Handlungen sind sehr unterschiedlich, je nach dem, in welcher Kultur, d.h. in welchem “selbstgesponnenen Bedeutungsgewebe” (C. Geertz) wir uns bewegen und das, wie der Konstruktivismus gezeigt hat, unser Bild von der Wirklichkeit funamental prägt.

        Danke für die Tips! Hast ja schon gemerkt, neben der Bedeutung hats mir auch die natürliche Umwelt angetan ;-)

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