Double, double gender trouble 8 Kommentare

14:30 am 4. September 2009 , , , ,

Ausagehend von einer Anfrage an die Piratenpartei scheint sich derzeit ein kleines Feminismus-Scharmützel anzubahnen, wie Benni hier berichtet. Ich muss gestehen, ich kann die große Aufregung um dieses Thema und um die Position der Piratenpartei nicht ganz verstehen – ich finde die Positionierung der Piratenpartei in dieser Sache relativ entspannt; schön auch, wie Mela Eckenfels die Situation kurz und prägnant formuliert:

In allen Gesprächen die ICH bislang innerparteilich zu diesem Thema geführt hatte, kamen die Vorschläge für Frauen-AGs o.ä. von männlichen Piraten und wurden von weiblichen Piraten abgelehnt.

Ich möchte selbstverständliche Gleichberechtigung statt Feminismus. Jeder weibliche Pirat denkt für sich selbst.
Wir müssen nicht gerettet werden.
Wir wollen nicht gerettet werden.

Versteht das und versteht das wir ‘Frauenpolitik’ für ein Instrument des letzten Jahrhunderts halten, das Ungleichheit zementiert statt sie zu beseitigen.
P.S.: Von Feminismus ganz zu schweigen.

(Quelle)

Denkwürdig ist dann die Bewertung von Benni auf Keimform.de:

Das ist eine wie ich finde völlig nachvollziehbare Einstellung. Wer einmal gelernt hat, nicht mehr Opfer zu sein, will sich diese Rolle auch nicht mehr aufdrängen lassen. Doch taugt es auch als politische Maxime?

Warum sollte diese Einstellung denn nicht als politische Maxime taugen? Weil sie – im Gegensatz zu den oft einfach vulgärmarxistischen Ansätzen im Feminismus – eben keine Kampfbegriffe und Feindbilder enthält, die dazu auffordern sich von etwas zu emanzipieren, sondern direkt das Positivum formulieren? Was ist daran falsch? Und die Standard-Argumente wie männliche Gewalt sind in diesen Diskussionen insofern absolut fehl am Platze, als dass sie selbst auf differenzfeministischen Geschlechterklischees beruhen. Wer sich die Mühe macht, sich mit der polizeiliche Statistik der Gewaltvorfälle zu beschäftigen, wird sehen, dass zwar Männer statistisch öfter Täter sind als Frauen – aber auch die Opfer der Gewalt sind häufiger Männer. So zumindest die kritische Männerforschung, die durchaus dank ihrer feministischen Wurzeln nicht als anti-feministisch bezeichnet werden kann.

Die Problematik des Bewusstmachens von Diskriminierung lässt sich auch nicht nur auf Feminismus und Diskriminierung von Frauen reduzieren. Viel besser ist da der Ansatz, jegliche Diskriminierung (und nicht nur den so genannten Hauptwiderspruch) zu bekämpfen, und das hat letztendlich zur Folge, dass Feminismuis verworfen werden muss.

Denn: Nicht nur, dass Feminismus (im Gegensatz zu progressiveren Ansätzen wie transgender und queer theory) immer Differenz betont und dadurch implizit sexistisch ist; er ist auch, je nach Spielart des Feminismus, auch mit der Höherbewertung der Frau explizit sexistisch.

Weiterhin sind feministische Ansätze diskriminierend, weil sie die Dichotomie bzw. die Binarität der Geschlechter nicht aufheben, sondern unbewusst und unreflektiert diese diskriminierende Grundstruktur reaktualisieren. So kann es nur bei zwei Geschlechtern bleiben, und alles, was dieser Vorgabe nicht entspricht, wird auch vom Feminismus diskriminiert werden.

Der dritte Punkt, warum feministische Ansätze diskriminierend sind, hat mit seinen Ursprüngen zu tun: Zugegeben, was anfangs nur eine Bewegung von weissen Frauen war, hat diesen offensichtlichen rassistischen Impetus überwunden. Dennoch ist Feminismus als Produkt der westlichen Welt genau dann kulturalistisch (und teils rassistisch), wenn er versucht, seine Analysen, Inhalte und Forderungen auf andere, nicht westliche Kulturen zu übertragen. Das ist Eurozentrismus bzw. Ethnozentrismus in Reinform. Dass es in anderen Kulturen traditionell mehr als zwei Geschlechter gibt (die teilweise auch vom Alter des Individuums abhängen), scheint für das Sendungsbewusstsein mancher FeministInnen völlig egal zu sein – letztlich auch ein Grund, warum Feminismus und Globalisiserungskritik nicht Hand in Hand gehen können: Der Feminismus ist selbst eine globalisierte Aussage, die nach Hegemonie strebt.

Update:
Eine Übersicht zur Diskussion “Piraten vs. Feminismus” findet sich hier.

Kommentare (8) ↓ Kommentar verfassen

  1. TakaTukaLand sagt:

    was ist denn bitte “der feminismus”? vermutlich meinst damit tatsächlich nur den oben genannten differenzfeminismus?

    meiner meinung nach ist eine queere praxis (die ich anstrebe) nur auf einer fortschrittlichen post-/queer-feministischen basis möglich, da die queer-theory eben vor allem theorie ist, die praxis aber bei den realen gegebenheiten ansetzen muss. du kannst die geschechterdifferenzen in einer sexistischen gesellschaft nicht überwinden, ohne bei ihnen anzusetzen, was sicherlich ein schwieriger und dialektischer prozess ist.

    ohne noch mehr zeit und musse zu haben (sorry!) noch mehr dazu zu schreiben, verweise ich nun einfach auf einen meiner kommentare in der diksussion bei antje schrupp, in der hoffnung, dass dieser mehr erläuterung zu meinen kurzen sätzen hergibt:
    http://antjeschrupp.com/2009/09/03/kann-eine-feministin-piraten-wahlen/#comment-371

    queer-feministische grüße!

    • naturgetr.eu sagt:

      Stimmt, müsste eigentlich “Feminismen” heissen. Ich meinte nicht ausschließlich Differenzfeminismus, aber diesen ganz besonders ;-) Es ging mir ohnehin um die Grundstrukturen, die (wenn ich das richtig überblicke) in allen Feminismen auf dem oben gesagten Prinzip der Unterscheidung (aka Differenz) aufbauen. Ohne das wäre Feminismus nicht denkbar.

      Klar müssen solche Umwälzungen an den so genannten “realen Gegebenheiten” ansetzen, was auch immer “reale Gegebenheiten” sein sollen (De/Konstruktivismus!). Ich tausche die “realen Gegebenheiten” mal aus durch den Begriff “Alltag”. Ist nicht deckungsgleich, aber mMn passender.

      Also weiter im Text: natürlich muss das im Alltag ansetzen, nur darf dieser Alltag eben meiner Meinung nach nicht in unbewussten Grundstrukturen die heteronormative Gesellschafts- und Geschlechterordnung rektualisieren und reproduzieren, sonst ist jedes noch so gut gemeinte Engagement schlichtweg umsonst, weil es sich selbst ad absurdum führt.

      Von Dialektik halte ich im Übrigen nicht viel, denn genau diese Denke ist – so sehe ich das zumindest – an der Misere schuld, dass Menschen (nicht nur im Bezug auf Geschlecht) in Gegensätzen bzw. in Dichotomien denken. Ich sehe das als Frage der Diskurse und ihrer (gezielten) Veränderung.

  2. order_by_rand sagt:

    Schön, schön, schön! Ich habe nie verstanden, warum man Menschen unbedingt in irgendwelche Kategorien pressen muss. Es sind zwar nicht alle gleich und sollen es auch niemals sein, aber es sind alles Menschen. Mehr Unterscheidung muss politisch nicht sein.

  3. Jokerine sagt:

    Also mein Feminismus zieht als Basis heran dass ich in der realen Welt, oder meinetwegen auch Alltag, als Frau oder als Mann gesehen werde und aufgrund der Einschätzung anders behandelt werde. Er beruht nicht darauf, dass ich mich als Frau oder Mann sehe. Insofern ist es problematisch die Kategorie einfach abzuschaffen, weil (denk)strukturen sich immer noch an dem Binären Muster orientieren. Diese Strukturen sind auch in die Piratenpartei importiert, da wir uns alle im Alltag bewegen und innerhalb der Strukturen leben. Durch pures ignorieren ist da nichts zu gewinnen, das merkt man an den immer wieder auftauchenden “ja die Frauen interessieren sich nicht dafür”-Argumenten. Ich denke es ist die Aufgabe der Mitglieder der Piratenpartei sich Gedanken zu machen wie sie niedrigschwelligere Angebote machen können um Partizipation von im Alltag marginalisierten Gruppen zu erleichtern. Das gilt natürlich nicht nur für Frauen. Und dann ist es wichtig diesen Personen zuzuhören die sagen “Ich fühle mich nicht repräsentiert von den Piraten auch wenn ich Bürgerrechte und Datenschutz voll geil finde.”

    Das Mela und andere Piratinnen kein Problem mit der fehlenden Frauenpolitik haben und überhaupt sich wohlfühlen in einer Partei die sich weigert sie in die Opferrolle zu stecken sei ihnen gegönnt. Sie sind auch keine Opfer, aber viele andere, vielleicht auch schwächere, Frauen sind es. Sie sind z.B. Opfer von Chefs die ihnen keine Kompetenz zutrauen weil sie Röcke tragen und nur die gleichen Qualifikationen haben die auch ihr männlicher Kollege hat.

    Oft wird ja argumentiert die Piraten rekrutieren sich aus der IT-Branche und deshalb sei der Frauenanteil so niedrig. Interessant dazu ist, dass der Studentinnen-Anteil in Informatik Studiengängen Anfang der 80 höher war als jetzt. Der Abfall hat unteranderem mit der gesellschaftlich mit Informatikern assoziierten Gamer- und Kellernerdkultur zusammen hängt. Solange eben diese Kultur auch mit den Piraten assoziiert wird wird sich hier die Frauenanpartizipation auch nichts ändern. Genauso wie sich der Anteil an (Wirtschafts)wissenschaftler bei den Grünen erst erhöht hat als sie ihr Ökospinner-Image ein wenig abgeschüttelt haben.

    Warum es wichtig ist, dass in der Piratenpartei Diversität herrscht erklär ich mal nicht, ich hoffe einfach, dass das klar ist. Aus vielen Kommentaren in diversen Blogeinträgen klang das ja auch raus, dass Diversität erwünscht ist.

    Ps. ich poste das mal auch bei mir im Blog.

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