Kulturflatrate – oder: Angebliche Kultur als Konsumobjekt 3 Meinungen

20:37 am 16. August 2009 , , , ,

Ich möchte muss an dieser Stelle einen kritischen Einwurf loswerden zur Diskussion über die so genannte Kulturflatrate. Viele, wohl so gut wie alle, Argumente in der Diskussion um das Für und Wider der Kulturflatrate beziehen sich auf wirtschaftliche und rechtliche bzw. politische Aspekte: Wie würde das Geld dann eingenommen und verteilt werden können und unter wie sollen die Rahmenbedingungen und das Konzept ausgearbeitet sein – kurz: Wie macht man es der Musikindustrie und dem Staat recht?

Denn zu nichts anderem dient die Idee der sog. Kulturflatrate: Sie soll eine ohnehin weit verbreitete Praxis legal und mit einem Bezahlmodell profitabel machen.

Nun kann man zu diesen Argumenten und den damit aufgebauten Frontlinien stehen, wie man will. Mir geht es hier eher um das Objekt der Diskussion, mir geht es um die Frage: Für was genau ist die so genannte Kulturflatrate ein (Flatrate-)Bezahlmodell?

Der Begriff Kulturflatrate beinhaltet vermeintlich schon die Antwort: Die Flatrate ist ein Bezahlmodell für Kultur. Aber das passt nicht wirklich, denn die Kulturflatrate meint ja nicht Kultur, sondern künstlerische und mediale Produkte (aus den Bereichen Ton, Film und Text), die in digitaler Form vorliegen.

Das klingt kleinkariert und irgendwie überflüssig, aber beinhaltet eine wichtige Unterscheidung, die immer wieder übersehen, vergessen und noch lieber absichtsvoll ignoriert wird: Kunst ist nicht gleich Kultur. Die Definitionen von Kultur, die Kultur (ausschließlich) als Hochkultur, also etwa als Gesamtheit künstlerischer Äußerungen und Produktionen sehen (normativer Kulturbegriff), sind schon etwas überkommen. Kultur ist ebenso nicht gleichzusetzen mit Zivilisation. Diese beiden Argumente, dass Kultur eben nicht einfach Kunst / Hochkultur oder Zivilisation umfasst, wird übrigens täglich bewiesen durch das, was die Musikindustrie an Massen-Konsumgütern herstellt; das hat auch mit Kunst schon lange nichts mehr zu tun.

Ungeachtet dessen: Kultur ist die Vorstellungswelt, die den lebensweltlichen Hintergrund für unser Handeln bietet. Ein von uns selbst gesponnenes Bedeutungsgewebe (Geertz) und dadurch (nach Lustig and Koester)

a learned set of shared interactions about beliefs, values, and norms, which affect the behaviors of a relatively large group of people.

- oder, nach Haviland -

culture is a set of rules or standards that, when acted upon by the members of a society, produce behavior that falls within a range of variance the members consider proper and acceptable.

Kultur ist also weit entfernt davon, das zu sein, was die Streiter für die Kulturflatrate augenscheinlich darunter verstehen. Zudem wird Kultur schon seit nicht einer nicht gerade kleinen Zeitspanne als im Alltag verortet definiert – im Prinzip ist alles, was wir tun und lassen, Kultur.

Und gemäß diesen Definitionen ist ein Aspekt offensichtlich: Kultur ist immer und für jeden kostenlos.

Utopie? Zugang zur Kultur für alle!

…ist in diesem Sinne eine absolut falsche Forderung/Formulierung und die so zu unrecht genannte Kulturflatrate ein absolut unsinniger Begriff, an dem das Präfix Kultur- wohl mehr zur Auratisierung angehängt ist und weniger deshalb, weil er mit Kultur zu tun hat. Denn das hat er nicht. Der Begriff Medienflatrate wäre um einiges passender für ein Bezahlmodell des Medienkonsums und würde die mit dem Wortmonster Kulturflatrate verbundenen Implikationen vermeiden können.

Und warum eine solche Medienflatrate durch politische Maßnahmen installiert oder abgesegnet werde muss, ist mir absolut schleierhaft:

Eine veränderte Lizenzpolitik im Rahmen der bereits bestehenden Gesetze wäre völlig ausreichend und könnte meiner Meinung nach auch erreicht werden über den Druck der Konsumenten und nicht zuletzt auch über die Künstler – die damit (z.B. in genossenschaftlicher Form) sicherlich wesentlich besser (finanziell und was Mitbestimmung und Freiheit anbelangt) fahren würden als sie es als Anhängsel großer Konzerne tun.

Letzten Endes könnte dadurch auch die Qualität der Produkte gesteigert werden, weil es unter solchen Bedingungen nicht zu erwarten ist, dass irgendwelche zusammengecasteten Musiker Bands Interpreten Künstler Gruppen mit eigentlich total oberflächlichen Inhalten und trivialen bis banalen Kunstwerken Produkten derart (d.h. ohne wirkliche Gegenleistung gegenüber den Kunden) gewinnbringend verramscht werden können.

Meinungen (3) ↓ Meinung sagen

  1. kommintern.blogsport sagt:

    “Kultur ist immer und für jeden kostenlos.” Das ist für meine Begriffe die komplette Negation (auch und gerade mit diesen Kultur- und Kunst- Definitionen vorweg) des materiellen Aspekts, der in unserer Gesellschaft über Sein oder Nichtsein entscheidet. Dabei hat eine Diskussion über materielle Aspekte zunächst nichts mit “Wie macht man es der Musikindustrie und dem Staat recht?” zu tun. Es geht vielmehr darum, die bisherigen materiellen Mechanismen in Frage zu stellen, also auch die ungleiche Verteilung von Material zwischen den Kultur Schaffenden. Aber zu dem was ich eigentlich anmerken wollte: “(…) Gruppen mit eigentlich total oberflächlichen Inhalten und trivialen bis banalen Kunstwerken Produkten (…)” das ist absolut arrogant und impliziert, dass der Gewinn für die “Hochkultur/Kunst” zu rechtfertigen ist, aber nicht für ‘qualitativ minderwertige’ Produkte. Die “Gegenleistung” scheint hier wohl in einem absoluten Wert gemessen werden zu können? (Ganz davon abgesehen, dass “Kunst” hier, wie paradox, subjektiv definiert wird und gleichzeitig doch bestimmte Teile von Kultur als wertlos bezeichnet werden.)
    Die Vorstellung, über akademische Definitionen Gesellschaft gestalten zu können, halte ich für falsch (ich bin mir aber nicht sicher ob ich das der_dem Autor_in vorwerfen kann). Pauschal zu behaupten, durch gesellschaftlichen Verzicht könnten die materiellen und ökologischen Probleme gelöst werden und dadurch auf die gesellschaftliche Analyse zu verzichten, halte ich tatsächlich für einen bloßen “Lifestyle”-Ansatz. Ohne eine prinzipielle Beschäftigung mit Kritik von Eigentumsverhältnissen, gesellschaftlicher Definitionsmacht, Aneignung, Verteilungsverhältnissen, der Rolle des Staates und emanzipatorischen Perspektiven im Kapitalismus brauche ich gar nicht erst mit einer etwaigen Verteidigung der für uns wichtigen Umwelt anzufangen. Ich bin gegen gesellschaftliche Naturverhältnisse, die die gesellschaftliche Perspektive ausklammern und dazu neigen, die “Natur” zu “naturalisieren”. Denn die “Natur” hat keine Probleme mit Umweltverschmutzung, sondern Menschen haben die Probleme und können sie – je nach ihren materiellen Verhältnissen – artikulieren. Es sind nämlich sowohl die Einwirkungen auf als auch die Auswirkungen von “Ökologie/Umwelt” ungleich verteilt.
    Im obigen Absatz beziehe ich mich auch schon mehr auf einen andere Artikel auf diesem Blog in dem es u.a. heißt: “Ebenfalls problematisch ist allemal, wenn Marktsegmente bzw. über ihr Konsumverhalten (wie LOHAS) zu einem derart starken identitätsproduktiven Prozess werden, dass sich Individuen und ganze Gruppen von Menschen nur noch über die Produkte, die sie konsumieren, identifizieren und in die Gesellschaft einordnen. Allein dieses Verhalten – Konsum als Identität – ist für mich ein mehr als deutlicher Hinweis, dass die Kritik am LOHAS gerechtfertigt ist.” Das ist ein guter Ansatzpunkt – aber meiner Meinung nach nicht vollständig: Ist es nicht ein Merkmal kapitalistischer Wirtschaft (statt ein individuelles Problem), dass produktive und austauschende Prozesse mehr Fetisch sind als die Befriedigung von Bedürfnissen?

    • naturgetr.eu sagt:

      Hei!

      Das ist für meine Begriffe die komplette Negation (auch und gerade mit diesen Kultur- und Kunst- Definitionen vorweg) des materiellen Aspekts, der in unserer Gesellschaft über Sein oder Nichtsein entscheidet.

      Also nur weil ich die “materiellen Aspekte” der Kultur in diesem Zusammenhang nicht erwähne ist das mMn absolut nicht gleichbedeutetnd mit einer Negation; zumal es hier um digital vorliegende mediale Produkte ging und diese auch nur virtuell materiell sind.

      Weiterhin ist – im Bezug auf Kultur – die Unterscheidung zwischen immateriellen und materiellen Aspekten obsolet (auch wenn Institutionen wie die UNESCO immer noch damit arbeiten mögen), da die Unterscheidung zwischen materiellen und immaterieller Kultur diverse Implikationen beinhaltet, die nicht (mehr) tragbar sind wie z.B. dass materielle Kultur Bedeutung von sich aus trägt, nicht erst durch Zuschreibung. Diese Auffassung vom “Ding an sich” mit wesenseigenen, inhärenten Eigenschaften würde im Übrigen hinter Kant, und damit hinter die Aufklärung zurückfallen.

      Ein aktuellerer Terminus im Bezug auf materielle Aspekte kultureller Formen wäre der Begriff Objektivation (und: Ich denke, ich habe durch das Studium der Kulturanthropologie, das hinter mir liegt, einen guten Überblick über verschiedene historische und zeitgenössische Definitionen von Kultur).

      Es geht vielmehr darum, die bisherigen materiellen Mechanismen in Frage zu stellen, also auch die ungleiche Verteilung von Material zwischen den Kultur Schaffenden. [...] Pauschal zu behaupten, durch gesellschaftlichen Verzicht könnten die materiellen und ökologischen Probleme gelöst werden und dadurch auf die gesellschaftliche Analyse zu verzichten, halte ich tatsächlich für einen bloßen “Lifestyle”-Ansatz. Ohne eine prinzipielle Beschäftigung mit Kritik von Eigentumsverhältnissen, [etc]

      Ich denke, da wollen wir das selbe, nur sind die Ansätze unterschiedlich, oder auch die Erfahrungswerte. Ich nehme an, Deine Kritik am “Modell Verzicht” beruht darauf, dass Du damit keine Erfahrung hast; denn erstens geht es mit nicht um Verzicht, denn Verzicht bedeutet, die Erfüllung eines bereits vorhandenen Wunsches (krampfhaft) zu unterdrücken (“Der Asket, der leidet, hat sein Ziel verfehlt”). Mir geht es um verringerte Bedürfnisse, ganz nach Senecas Ausspruch “Nicht wer wenig hat, sondern wer viel wünscht, ist arm”. Und in dieser Lebensweise, die Du als Lifestyle siehst, steckt meiner Erfahrung nach eine ganze Menge Kritik an den “materiellen Mechanismen”. Die meisten Menschen haben keine Ahnung, wie wenig man braucht, um zufrieden oder sogar glücklich zu sein – und das meine ich durchaus auch in dem Sinne, dass diese Haltung zufriedener macht, nicht nur, weil man weniger braucht, sondern auch, weil man (vergleichsweise) freier ist von materiellen Zwängen.
      Ich bin mir übrigens nicht ganz im Klaren, was “gesellschaftlicher Verzicht” sein soll, den ich angeblich fordere. Ich gehe bei meinen Ansätzen grundsätzlich von meinen Erfahrungen aus und versuche eine Übertragbarkeit auf andere Individuen. Gleich mit einer ganzen Gesellschaft anzukommen, ist da ein bissel hochgegriffen. Ebenso fordere ich sicher nicht, dass jeder auf die selben Dinge “verzichten” soll, auf die ich verzichte, sondern dass man sich bemühen sollte. Mehr kann und darf man nicht verlangen, zumindest nicht in einer freien Gesellschaft.

      Als Literatur-Schmankerl zu diesem Themenkreis empfehle ich Erich Fromms “Haben oder Sein” (worinnen durchaus eine sehr gewaltige Kritik an “materiellen Mechanismen” steckt) sowie generell alle Werke von Thoreau.

      Genausowenig wie man Gesellschaft über akademische Definitionen verändern kann, kann man sie über polemisierende politische Kampfbegriffe verändern. Man kann aber beides als Anregung dafür nutzen, in dem man die Begriffe de- und rekonstruiert und überlegt, ob sie auch das aussagen, was man meint.

      Denn die “Natur” hat keine Probleme mit Umweltverschmutzung, sondern Menschen haben die Probleme und können sie

      An dieser Stelle eine erst (nicht polemisch oder rhetorisch) gemeinte Frage: Was ist denn bitte “Natur”?

      Und abschließend noch zu den von Dir kritisierten Kultur- und Kunstbegriffen: Natürlich sind diese subjektiv, und ich halte dieses modernistische Zeug, was die Musikkonzerne produzieren weder für Kunst noch für Kultur. Das ist eine persönliche Meinung.

      Dies ist ein Blog, das meine Sicht auf die Dinge zeigt und nicht eine bis ins Detail dargestellte akademische und politische Diskursanalyse bietet. Natürlich ist die hier dargestellte Sicht auf die Dinge von meiner akademischen Ausbildung in großem Maße beinflusst, aber nicht mit ihr identisch. Ich nehme an, bei Deinem Blog ist das nicht anders.

  2. über deinen einwand mit der falschen überschrift muss ich in ruhe mal nachdenken. da hast du glaube ich recht und ich meine tatsächlich in diesem zusammenhang KUNST und nicht KULTUR. andererseits gehört eine opernaufführung zur kultur, nur kann an diesem teil der kultur nur eine menschengruppe teilhaben, die dafür bezahlt.

    begriffe wie kunst und kultur sind teilweise sehr aufgedunsene begriffe, die man fast gar nicht richtig nutzen kann. die idee, die kulturflatrate umzubenennen in medienflatrate wäre vor diesem hintergrund vielleicht gar nicht so falsch.

    wie auch in meinem artikel geschrieben. wir müssen darüber debatieren und darüber nachdenken.

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