Was es bedeutet, einen Gott zu haben Meinung sagen

12:41 am 4. August 2009 , ,

Ich habe vor einiger Zeit über die Bedeutung und die Folgen der Vorstellung, einen (oder auch mehrere Götter) zu haben, nachgedacht. In seiner Rohform hat dieser Text schon ein kleines Schattendasein in einer Schublade gefristet, aber ich denke, das Thema ist irgendwie immer aktuell. Bei Gelegenheit werde ich den Text überarbeite und Beispiele einfügen.

Die Frage, die mich mir stelle ist: Was bedeutet es, einen Gott zu haben? Was sind die Folgen davon, wenn man an eine (oder mehrere) höhere Wesen und Götter glaubt?

In diesem Zusammenhang bin ich schon auf den Spruch „Ein Gott schafft Einfalt, viele Götter schaffen Vielfalt“  gestoßen, der, im Sinne seines Urhebers wohl begründen soll, warum poly- oder henotheistische Glaubensformen besser seien als monotheistische. Wenn es nur auch so einfach wäre! Meiner Erfahrung nach müsste der Spruch lauten: „ Ein Gott schafft Einfalt, viele Götter schaffen viel Einfalt“, wenn auch vielleicht nicht in allen Fällen. Was ich sagen will: eine Religion mit polytheistischer Gottesvorstellung  ist nicht automatisch toleranter, pluralistischer oder gar freier ist – schon gar nicht, wenn sie sich in religiösen Institutionen organisiert. Warum sollte aus polytheistischen Vorstellungne automatisch folgen, dass man, nur weil man mehrere Götter kennt, auch anderen Weltanschauungen außerhalb des eigenen Glaubens mehr Toleranz oder Respekt entgegenbringt? Oder inwiefern führt Polytheismus zu einem freiern Leben? Offensichtlich ist es nicht gerade unvereinbar, trotz Poly- oder Henotheismus ein Kastensystem Gliederung der Gesellschaft heranzuziehen. Kurz gesagt: Ich sehe keine Vorteil darin, einen Gott durch mehrere zu ersetzen.
Allerdings sehe ich bei allen theistischen Religionen und Gottesvorstellungen, egal, ob nur ein Gott oder viele Götter damit gemeint sind, die selben (strukturell begründeten) Probleme: Gott oder Götter sind bloße Projektionen und Externalisierungen der Menschen. Sie verlagern ihre Verantwortung für ihr Leben und in viele Fällen sogar ihre Schuld, aber auch positivere Aspekte wie z.B. Hoffnung nach außen und hängen sie damit einem Gott an – oder verteilen diese Aspekte ihrer selbst auf mehrere Götter.  Als Folge dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – verantwortungslosen Haltung hofft man auf einen gütigen Gott (den man mit Gebet, Opfern und Ritualen geneigt stimmen oder besänftigen will) oder auf ein gütiges Schicksal, das von einer Götterfigur oder einem höheren Wesen zugeteilt wurde.

Durch die Externalisierungen und Projektionen verlagert man also eine Entscheidungen, die Verantwortung für eine Entscheidung und somit die wesentlichsten Aspekte menschlichen Handelns und menschlicher Freiheit (!) weg von sich (bzw. dem Individuum) und hin zu fernen, transzendentalen Bezugspunkten – die dann Bezeichnungen wie Gott, Götter oder Schicksal erhalten.

Dass diese Bezugspunkte, auf die man Aspekte seiner selbst verlagert, transzendental, weltentrückt und vom Menschen kaum beeinflussbar sind spielt dabei ein große Rolle. So umgeht man nicht nur direkte und indirekte Verantwortung für ein Geschehen oder eine Entscheidung, sondern kann so auch sehr bequem jegliche Kritik im Keim ersticken, da die jeweilige Götterfigur ja der ultimative Bezugspunkt (ultima ratio) allen Seins darstellt und somit nicht kritisiert oder hinterfragt werden kann. Man tanzt also tollwütig im Kreis und übersieht dabei, dass sich die Religion so selbst lügen straft: Wäre sie frei(er) oder wahr(er) als andere Weltanschauungen, brauchte sie keinen solchen unangreifbaren, transzendentalen Bezugspunkt.

Dieses Weltbild hat schwerwiegende Folgen, für unser alltägliches Leben. So frage ich mich zum Beispiel, ob ein Mensch, der an einen wie auch immer geartete Götterfigur glaubt bzw. einer theistischen Religion folgt, wirklich demokratisch, selbstbestimmt und frei (in seinen Entscheidungen) sein kann. Denn wenn Entscheidung und Verantwortung bei einem unangreifbaren, transzendentalen Bezugspunkt liegen, kann das Individuum nicht als Ursprung von Handlungen gesehen werden. Die Götterfigur ist immer der letztendliche Entscheidungsträger und die letzte Instanz der Meinungsfindung und -begründung. Also ist man auch was das Handeln in dieser Welt und im Alltag anbelangt immer abhängig von einem Bezugspunkt von dem man glaubt, ihn nicht beeinflussen zu können – und man unterwirft sich, denn schließlich will man ja in den Augen der Götterfigur ein frommer Anhänger, also letztendlich ein guter Untertan sein.

Diese Grundeinstellung schlägt sich nicht nur in abstrakten politischen Systemen, Institutionen oder Haltungen, sondern auch direkt in unserem Alltag nieder. Dieses Denken produziert erst im wahrsten Sinne des Wortes hierarchische Strukturen (Hierarchie von griech. hieré (ιερή) – „heilige“ und, „arché“ (αρχή) – Herrschaft, Ordnung, Prinzip, der Anfang, der Erste) wie zum Beispiel in der Katholischen Kirche oder auch im Kleinen, nämlich in den patriarchalen Familien- und Gesellschaftsstrukturen.

Mit einem Weltbild der Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortlichkeit hat dies nichts zu tun.
Diese Mechanismen gelten nicht nur für mythologische Figuren des Guten, sondern Entsprechendes gilt auch für die mythologische Figuren des Bösen: auch hier wird Verantwortung auf eine transzendentale Figur abgegeben. Während Götterfiguren meist für positive Ereignisse verantwortlich gemacht werden, werden die Figuren des Bösen für negative Ereignisse und Handlungen verantwortlich gemacht.

Durch diese „Arbeitsteilung“ ergibt sich ein Weltbild, das mit einem binären Wertsystem, also ethischem Schwarz-Weiß-Denken operiert. So können auch unabhängig davon, ob es im jeweiligen Zusammenhang bzw. Kontext Sinn macht oder nicht Gebote, Verbote, Tabus oder andere dogmatischen Aussagen aufgestellt werden – schließlich lassen sie sich immer mit den transzendentalen Figuren rechtfertigen, wobei Gebote (und die Strafen, wenn Gebote gebrochen werden) oft von den transzendentalen Figuren des Guten ausgehen und Verbote und Tabus mit ihren bösen Gegenspielern begründet werden.

Also ist auch diese Methode, Menschen zu beherrschen auf die relativ scharfe Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“ angewiesen, denn ohne diese Kategorien hätten Gebote,Verbote, Tabus usw. keinen Sinn und würden dem Weltbild und sogar der Denkweise des beherrschten Individuums widersprechen.
Mit Mythologien, die auch ambivalente Figuren kennen, also Figuren, die sowohl gut als auch böse handeln (oft auch Trickster genannt), ist das nicht ganz so einfach. Hier findet keine reine Arbeitsteilung zwischen Gut und Böse statt.

Dennoch werden Verantwortung und Schuld auf transzendentale Figuren verschoben und anhand ihrer Handlungen definiert, was gut und was böse ist: die Handlungen mythischer Figuren dienen als Beispiele für den Menschen und zeigen, was er tun soll (und teilweise, wie er es tun soll) und was er nicht tun soll.

Selbstverantwortlichkeit und Handlungsmöglichkeit des Menschen werden auf diese Weise(n) eingeschränkt – der Glaube an transzendentalen Figuren – ob sie existieren oder nicht; der Glaube zählt – nimmt dem Menschen systematisch die Fäden aus der Hand. Der Mensch wird durch eigene (unerkannte) Schuld zur Marionette. Die Folge: jegliche wirkliche Selbstbestimmung der handelnden Individuen ist systembedingt und strukturell unmöglich, Freiheit wird wenn überhaupt nur durch die Gnade einer der Götterfiguren erlangt, aber niemals durch eigenständiges Handeln und ein selbstverantwortliches, selbstbestimmtes Leben.

Die Konsequenz aus der oben vorgestellten Meinung ist: Jede Gottes und- Göttervorstellung ist prinzipiell unangemessen.

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