LOHAS ist ein Akronym für “Lifestyle of Health and Sustainability” (Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit). Es steht für einen Lebensstil oder Konsumententyp, der durch sein Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern will.
So definiert Wikipedia. Ich teile die dort ebenfalls angeführte Kritische Beurteilung, LOHAS sei nur der “Versuch, dem Konsumismus ein neues, zeitgeisttypisches Image zu geben” (siehe dort), denn ich bezweifle stark, dass sich mit LOHAS eine moralische bzw. ökologische Wendung verbindet (ich komme gleich darauf, warum), sodass dieser Lifestyle (beziehungsweise: dieses Marktsegment) eben nicht, wie Nico Stehr behauptet, eine “Moralisierung der Märkte” darstellt oder dazu führt. Die These, dass “in der Wissensgesellschaft politische Botschaften und Anliegen mithilfe des Konsums vermittelt werden” und dass das “Konsumverhalten [...] mittlerweile so etwas wie ein politischer Stimmzettel” (Quelle) ist, ist in einer (leider) sehr konsumorientierten, kapitalistischen Gesellschaft eine an sich gute Idee, sie scheitert aber an der Umsetzung. Ich wage sogar zu bezweifeln, dasss eine Umsetzung hätte erfolgreich sein können, denn durch verändertes Konsumverhalten passen Unternehmen nicht zwingend die Produkte – und schon gar nicht die Art und Weise der Herstellung und Verarbeitung – an, sondern viel eher das Marketing, sprich: Das Image und die Aufmachung, mit dem das Produkt beworben wird.
“Der Kunde erwartet, dass Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden” (Quelle) – das ist eine schöne Erwartung, die die Kunden gegenüber den Herstellern haben. Aber wie sollen sich Kunden sicher sein, dass diese Erwartungshaltung erfüllt wird – anstatt dass einfach andere Labels und andere Schlagworte auf die Verpackungen gedruckt werden? Wie viele Bio-Standards gibt es inzwischen? Und was sollen denn – in diesem Zusammenhang – Bio-Mikrowellen-Gerichte und tiefgekühltes Bio-Convenience-Food (siehe auch hier)? Inwiefern passt das zu einem “Lifestyle of Health and Sustainability”?
So hilft letztlich oft auch der Ausruf und die damit zusammenhängenden Aktionen wie “Konsumenten an die Macht“ nur begrenzt. Natürlich erzeugen sie Aufmerksamkeit und lenken diese auf eine Problemstellung. Aber man darf ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen nicht verwechseln mit einem Lösungsansatz für ein Problem – dieser müsste das Problem auf einer viel grundlegenderen Ebene anpacken: Das Problem ist nicht, dass konsumiert wird, auch nicht primär* was, sondern wieviel. Und an diesem Punkt kann man nicht mit einer veränderten Produktpalette ansetzen.
Im Gegensatz zu den “alten Ökos” sind wir technologiefreundlich und genussorientiert. Wir gehören aber nicht zur Spassgesellschaft, sondern geniessen nachhaltig. Wir wissen über die Folgen unseres Konsums und versuchen, diese möglichst gering zu halten. Wir interessieren uns für Gesundheit, Spiritualität, Nachhaltigkeit und Ökologie. Gehen zum Yoga oder Tai-Chi, trinken Grüntee oder Bionade. Häufig sind wir Vegetarier. (Quelle)
LOHAS hat auch insofern überhaupt nichts mit ökologischem Bewusstsein und einer moralischen Haltung zu tun, als dass – wie eine Studie gezeigt hat, es den Anhängern dieses Konsumtypus mehr um ihre eigene Gesundheit geht als um die ökologischen Konsequenzen ihres Verhaltens; Bio ist also aus dieser Sicht deshalb zu bevorzugen, weil es als gesünder gilt (was ein Trugschluss sein kann). Auch wird der Konsum im LOHAS nicht eingeschränkt – es wird munter auf hohem Niveau weiterkonsumiert, nur werden eben andere Produkte von (teilweise) anderen Herstellern bevorzugt. Es kann hier also nichteinmal von nachhaltigem Konsum im Sinne von schonendem Umgang mit Ressourcen die Rede sein – der Lifestyle of Health and Sustainability sieht nicht vor, Konsum in irgend einer Form zu begrenzen (im Gegensatz zum LOVOS).
Die Menschen, die in Deutschland Nachhaltigkeit zur Leitlinie ihres Konsumverhaltens machen, sind eher unpolitisch, harmoniebedürftig, konservativ und ichbezogen. (Quelle)
Was meiner Beobachtung zufolge auch eine nicht geringe Rolle spielt, ist die Selbstdarstellung als LOHAS-Typ: Man kauft natürlich Marken-Bio im Bio-Supermarkt – man kann es sich ja leisten. Bio bei Aldi? Nee. Vom Bauern auf dem Wochenmarkt kaufen? Schon eher, aber da klebt ja kein (Bio-)Label auf dem Zeug und da sind so viele normale Leute (Hausfrauen), die ja überhaupt keine Ahnung von ökologischem Lifestyle haben… (seht mir bitte diese zugegebenermaßen sehr überspitze Darstellung nach – sie basiert auf meinen Erfahrungen, ist also nicht einfach frei erfunden.)
Ebenfalls problematisch ist allemal, wenn Marktsegmente bzw. über ihr Konsumverhalten (wie LOHAS) zu einem derart starken identitätsproduktiven Prozess werden, dass sich Individuen und ganze Gruppen von Menschen nur noch über die Produkte, die sie konsumieren, identifizieren und in die Gesellschaft einordnen. Allein dieses Verhalten – Konsum als Identität – ist für mich ein mehr als deutlicher Hinweis, dass die Kritik am LOHAS gerechtfertigt ist.
Was ist LOHAS dann? LOHAS trägt die Bezeichnung im Namen, die er verdient: Lifestyle. Eine neue, pseudo-ökologische Schickeria, die sich in ihrem, ob ihres vermeintlich moralischen Konsumverhaltens gewonnenen guten Gewissen sonnt. Eine dem Zeitgeist des Konsumismus angepasste Öko-Fassade. Und dieser ist als solcher abzulehnen.
*nicht primär soll heissen, dass das Herunterfahren des Konsums Priorität haben muss und dann, an zweiter Stelle, die Art und Zusammensetzung der Produkte berücksichtigt werden sollte – so dass wenn wir konsumieren, dies auch ökologisch und vernünftig tun. Nur dadurch kann erreicht werden, dass nachhaltig konsumiert wird; wie im Artikel angeführt ist es nutzlos, wenn nur andere Produkte, nicht aber weniger konsumiert wird.
naturgetr.eu










Oh, jetzt lese ich grad den neuen Beitrag – da hätte ich mir ja meine Worte eben sparen können, denn hier beschreibst Du das alles ja auch sehr passend.
Manchmal frage ich mich dennoch: ist es nicht eventuell egal, ob sich jemand nur aus Eigennutz (Gesundheit) oder eben aus übergeordneter Einsicht vernünftig verhält, sinnvoll konsumiert? Muss man eventuell damit schon zufrieden sein, also dass die Welt durch solchen Konsum etwas langsamer stranguliert wird? Bringt es nichts, auf ein Umdenken zu hoffen/zu bauen, zumal nicht in einem Gesellschaftssystem, das den Egoismus zum Maß aller Dinge erhoben hat?
Wie Du schon schreibst hat das Herunterfahren des Konsums auf jeden Fall Priorität!
Hey Peter!
Oberflächlich betrachtet mag es egal sein, ob man aus einer egozentristischen Motivation – und LOHAS ist nichts anderes – oder aus wirklichem Engagement handelt.
Aber ich denke, auf lange Sicht ist LOHAS und Ähnliches genau eins: Das Richtige tun aus den falschen Gründen. Und eigentlich ist es nichteinmal das, weil Öko als bloßer Lifestyle ja wie gesagt nur die Produkte (bzw. Produktbezeichnung) ändert, nicht aber die Lebenswiese, die die ökologischen Probleme verursacht.
Kurz gesagt: LOHAS etc. ist (oder war) ein Anfang. Aber eine wirkliche Lösung ist das nicht.
Ich denke, da sind wir absolut einer Meinung. Die Fragen waren auch nur so allgemein in den Raum gestellt, sprich, sie kommen mir manchmal in den Sinn, ob nicht eventuell solche Schritte auch schon helfen. Allerdings besteht natürlich immer die Gefahr, dass, wenn der “Schmerz”/”Druck” durch solche kleinen Schritte ein wenig nachlässt, die Menschheit plötzlich meint, so weitermachen zu können…
Übrigens – Bio NICHT bei Aldi zu kaufen ist auch als Nicht-LOHAS absolut angesagt, denn das ausbeuterische und zerstörerische Discountermodell darf man nicht noch unterstützen. Jeder €, den man beim Discounter ausgibt, stützt deren ohnehin schon viel zu große Marktmacht, egal, ob man Bio oder Industriefraß dort kauft. Und das hat nichts mit damit zu tun, dass es “unter der eigenen Würde” ist, zu Aldi zu gehen (also es einen eigenen Imageverlust bedeuten würde) , sondern eben, wie gesagt, dass man solche Geschäftsmodelle nicht fördern sollte.
Ich kauf übrigens gern auf dem Wochenmarkt ein.
Japp, aber Alnatura und Demeter kann sich nicht jeder dauerhaft leisten, selbst bei reduziertem Konsum, zumal ich von manchen dieser Anbieter nicht ganz so viel halte – z.B. wenn eine Öko-Produktionsbetrieb gleichzeitig eine Einrichtung zur Betreuung von Behinderten ist, und für diese (produzierende) Betreuung noch Geld verlangt wird. Kam schon vor…
Wochenmärkte sind prima, oder Gemüsekisten direkt vom Bauer – Alternativen gibt es nicht wenige
Stimmt schon, dass reine Bioläden nicht gerade billig sind, aber dennoch ist der Kauf von Discountbio sicher der falsche Weg, weil dadurch eben der Druck auf die Zulieferer, der schon den normalen Industrienahrungsmittelbereich erdrückt, auch auf den Biobereich übertragen wird. Die Aufweichung des EU-Biosiegels ist ja sicherlich auch schon auf die entsprechende Lobbyarbeit der Ketten zurückzuführen (mutmaße ich mal einfach so). Und bei Bio machen die Discounter (noch) mehr Gewinn als mit dem normalen Kram, von daher freuen sich die Albrecht-Brüder gleich noch mehr. :-O Dann wenigstens Bio vom normalen Supermarkt, der seine Mitarbeiter weniger mies behandelt und mehr Menschen beschäftigt…
ich überlege gerade, Mitglied in so einem Mitgliederladen zu werden, bei dem man Bio aus der Region zum Einkaufspreis erhält. Wenn man sich das zu mehreren teilt, werden die Sachen plötzlich echt erschwinglich, und der ganze Laden arbeitet eben nicht profitorientiert, sondern ausschließlich kostendeckend. Finde ich sehr sympathisch und einen richtigen Weg,